#140 Jeder Mensch ist ein Künstler | Was es bedeutet, Zukunft mitzugestalten und wie es gelingen kann

von Jens

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ – so lautet zumindest die radikale Forderung Joseph Beuys.

Mal angenommen, wir würden uns alle als im weitesten Sinne als Künstler*innen begreifen, so würde das eine weitreichende Perspektive eröffnen. Für ein ganz grundlegendes, radikales Verständnis von Kreativität. Die uns fragen lässt, wie wir eigentlich in Zukunft leben wollen – individuell, gesellschaftlich und global?

In dieser Folge erfährst du unter anderem:

• welche Bedeutung Kunst in der Gestaltbarkeit von Gesellschaft zukommt.
• weshalb wir angesichts der globalen Herausforderungen möglichst 7 Milliarden Künstler*innen benötigen.
• weshalb es Raum für utopische und zunächst unrealistische Visionen braucht.

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SHOWNOTES:

► Mehr zum erweiterten Kunstbegriff auf Wikipedia

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TRANSKRIPT:

Ich war Ende letzter Woche auf einer Veranstaltung im österreichischen Vorarlberg, die sich POTENTIALe nennt. Ein Festival der Kunst und Kultur, ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. Da ich den Auftakt moderieren durfte, habe ich mich natürlich ein wenig vorbereitet. Und im Zuge dessen ist es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen. Welche Bedeutung eigentlich der Kunst in der Gestaltung von Gesellschaft und Zukunft im allgemeinen, zukommt. Aber bislang, finde ich, nicht ansatzweise die Würdigung und das Zugeständnis dieser Fähigkeit erfährt. Dabei existiert Kunst und Gestaltung in den unterschiedlichsten Formen bereits seit es Menschen gibt. Wir haben schon immer gestaltet. Bewusst wie unbewusst.

Ich meine, hat dir nicht auch schon einmal jemand gesagt, dass du eine Künstlerin oder ein Künstler bist? Oder, dass du es zumindest sein könntest?

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ – so lautet zumindest die radikale Forderung Joseph Beuys. Einem Künstler, der parallel zu seiner bildnerischen Arbeit wichtige Impulse für gesellschaftliche Gestaltungsprozesse hinterließ. Vor allem durch sein Konzept eines „Erweiterten Kunstbegriffs“. 

Mal angenommen, wir würden uns alle als im weitesten Sinne als Künstler*innen begreifen, so würde das, glaube ich, eine weitreichende Perspektive eröffnen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass wir alle Künstler*innen im klassichen Sinne werden und Bilder malen oder Skulpturen schaffen sollten. Bei dem Wort Künstler denkt man eben schnell an Van Gogh und Picasso. Was damit gemeint ist, bzw. was Beuys damit sagen wollte, ist dass solch eine Definition von Kunst den Blick öffnen würde, für ein ganz grundlegendes, radikales Verständnis von Kreativität. Die tief in die Gesellschaft und in uns selbst vordringt, und uns fragen lässt, wie wir eigentlich in Zukunft leben wollen – individuell, gesellschaftlich und global? Eben weil wir mitgestalten. Weil wir uns als Gestalter*innen betrachten.

Dabei geht es natürlich auch um das Ermutigen jedes einzelnen Menschen, die in uns steckende Kreativität umfassend in unserem eigenen Arbeits- und Lebensbereich anzuwenden. Ganz gleich, ob wir Lehrer*in, Ingenieur*in oder Bildhauer*in sind. Kreativität wird viel mehr verstanden als die ureigenste Besonderheit eines jeden Menschen. Damit ist jede und jeder von uns in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse weit über die Kunst im engeren Sinne hinaus einbezogen. Und es bedeutet, dass wir alle gestalten. Bewusst, wie unbewusst. Ob wir nun wollen oder nicht. Mit allem, was wir in der Gegenwart tun, haben wir einen Einfluss auf die Zukunft. Im kleinen, wie im Großen. Und klar ist auch, dass wir inzwischen kaum mehr Einzelaktionen vollziehen können, die nicht Auswirkungen auf das große Ganze hätte.

Besonders deutlich wird das, wenn man sich bewusst macht, welche Auswirkungen unser Konsumverhalten alleine in Deutschland auf große Teile des globalen Südens hat. Oft haben wir zwar im Hinterkopf, dass, wenn wir ein T-Shirt bei H&M und Co. kaufen, dass dies von Näherinnen in Bangladesh oder anderen Teilen Asiens in Textilfabriken unter z.T. prekären und lebensgefährlichen Bedingungen für einen Hungerlohn angefertigt wurde. Und auch, wenn wir es wissen und bewusst den Kauf bei solchen Unternehmen boykottieren, fühlen wir uns selten mit dafür verantwortlich. Das sollen die da oben regeln. 

Wir leben in einer Externalisierungsgesellschaft. Kaum einer will Verantwortung für die entstanden Kosten übernehmen, die durch unseren Verschwendungs- und Konsumwahn entstehen und unsere Umwelt und vor allem benachteiligte Menschen schädigen. Stattdessen wird unser Müll lieber weiterhin an Länder wie Indien verschickt, die ihn uns gegen eine Gebühr abnehmen und irgendwo auf gigantische Müllberge bei sich kippen. So sieht man ihn wenigstens nicht. So haben es sich zumindest, glaube ich, ein Großteil der Politik und Wirtschaft, lange Zeit gewünscht und erhofft. Hat ja auch eine Weile mehr oder weniger funktioniert.

Tja, nur heute, angesichts der globalen Herausforderungen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, wissen wir mittlerweile dass wir nicht einfach so weitermachen können. Dass wir nicht weiter unseren Ballast einfach irgendwem anders in die Arme drücken können. Denn der Erde ist es ziemlich schnurzpiepegal, wo unser Müll lagert oder wo Co2 entsteht. Fakt ist, es muss weg, bzw. im ersten Schritt drastisch reduziert werden. Das zukunftsuntaugliche business as usual muss aber auf jeden Fall der Vergangenheit angehören. 

Und, um diese Herausforderungen lösen zu können, braucht es kreative Lösungen und eine neue Denkweise. Und daher auch möglichst 7 Milliarden Künstler*innen in allen Lebensbereichen. Die den Status-Quo hinterfragen, und über ihr Eigeninteresse hinaus in der Lage sind, die Verantwortung für das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Auch, wenn sie augenscheinlich nicht bzw. noch nicht direkt davon betroffen sind. Denn wie heißt es so schön: Bist du nicht Teil der Lösung, bist du Teil des Problems.

Gegenwärtig befinden wir uns allerdings eher noch im Stadium einer allgemeinen Leitkultur der Verantwortungslosigkeit. Wobei man schon sagen kann, habe ich zumindest das Gefühl, dass sich da gerade etwas bewegt und immer mehr Menschen realisieren, dass ihre Stimme, über das Kreuzchen bei der Wahl hinaus, gefragt ist. 

Der Philosoph Kwame Appiah hat ein sehr interessantes Konzept für eben solche kulturellen Prozesse entwickelt, dass Uwe Schneidewind in unserem Gespräch auch schon angesprochen hat. Weil es so anschaulich ist und im Kontext sehr passend ist, werde ich es allerdings noch einmal kurz vorstellen. Und zwar spricht Appiah von den sogenannten 5 Phasen Kultureller Revolutionen:


Phase I: Ignoranz, das Problem wird nicht gesehen.
Phase II: Anerkennung des Problems, aber wir sehen keinen persönlichen Bezug.
Phase III: Persönlicher Bezug, aber Nennung, warum kein Handeln möglich ist.
Phase IV: Handeln
Phase V: Im Rückblick Unverständnis, dass die alte Praxis je bestehen konnte.

Ich würde sagen, wir befinden uns zu einem großen Teil in Phase drei. Wir merken zwar, es muss sich etwas ändern und auch wir sind gefragt, wenn es um das Finden von Lösungen geht, aber so richtig kommt der Wagen noch nicht ins Rollen. Es ist ja auch einfach so schön bequem in dem vom Kapitalismus zurechtgemachten Federbett, dass kaum einen hedonistischen Wunsch offen lässt. Nichts desto trotz ist die Frage jetzt natürlich, die sich einige stellen: Wie kommen wir in Phase 4. Wie kommen wir ins Handeln? Was hilft uns, selbst aktiv zu werden, über die Konsument*innen Rolle hinaus, Zukunft zu gestalten? 

Ich glaube, wie eben kurz schon angerissen, dass unser bestehendes Wirtschaftssystem uns viel zu lange eingeschärft hat, Profitmaximierung und Hedonismus seien unsere einzige Motivation, uns in Bewegung zu setzen und etwas zu schaffen. Aus Sicht der Wirtschaftswissenschaften kommen wir bereits als Homo economics auf die Welt und unser vorrangiges Ziel ist es, Kapital anzuhäufen und unser eigenes Glück zu maximieren. Alles andere wird der Markt schon regeln. Haben wir ja gesehen, wie gut das bisher klappt. Nichts gegen etwas Wohlstand und gute Lebensbedingungen, aber, wenn wir mal ehrlich sind, wollen wir nicht viel darüber hinaus, vor allem aus eigenem Antrieb etwas Gelungenes schaffen, das einen Beitrag leistet und geschätzt wird? Bei dem wir das Gefühl haben, dass es für uns uns auch andere von Bedeutung ist und sich nicht nur am Ende des Monats in Zahlen auf dem Gehaltscheck ausdrückt? Und ich spreche hier nicht alleine von Selbstverwirklichung im individuellen Sinne. Sondern eben darüber hinaus.

Verwundern tut es mich aber wenig, dass sich eben genau solch ein von der Ökonomie geprägtes Denken etabliert hat. Wir kommen zwar als Kinder alle mit einem schier unermesslichen kreativen Potential auf die Welt, verlieren es auf dem Weg zum Erwachsenen aber leider in vielen Fällen. Oder eher gesagt treiben wir es den Kindern selbst in den Schulen aus. Die zu einem großen Teil darauf ausgerichtet sind, junge Menschen auf die Arbeitswelt vorzubereiten und zu kleinen Effizienzrobotern auszubilden, damit sie sich in unseren gesellschaftlichen Fehlkonstruktionen zurechtfinden, in denen wir selbst nicht glücklich werden. Ein ziemlich hoher Preis, finde ich, der absolut nicht gerechtfertigt ist und definitiv keinen Sinn macht.

Gerade deshalb braucht es, glaube ich, mehr Begegnungsräume und Menschen, die zeigen, dass das nicht so sein muss. Dass es auch anders geht. Dass ein gelungenes Leben nicht notwendigerweise effizient und opulent sein muss. Aber auch, dass dieser im ersten Moment angenommene Verzicht, nicht bedeutet, dass wir für die Lösung von Zukunftsproblemen mit den Mitteln der Vergangenheit vorankommen. Früher war bei weitem nicht alles besser. Mal abgesehen davon, dass sich eine Rückwende bisher selten als guter Schachzug erwiesen hat. Stattdessen brauchen wir, in meinen Augen, für die Gestaltung einer ungewissen Zukunft, ein enormes Maß an Kreativität. Und von wo sollte das kommen, wenn nicht von uns Menschen?

Ich glaube, dass wir uns, insbesondere in diesen manchmal etwas dystopisch anmutenden Zeiten, eine Scheibe von Künstler*innen abschneiden können. Denn ähnlich, wie diese sich immer wieder neu auf Prozesse einlassen, deren Ende sie nicht kennen, und sich trotzdem mutig dieser Situation hingeben, müssen auch wir wieder lernen, dieses Vertrauen zu finden indem wir uns unseres Gestaltungspotentials bewusst werden. 

Die Frage ist natürlich, wie kann uns das gelingen? Was braucht es dafür?

Uwe Schneidewind schreibt dazu etwas sehr passendes in seinem Buch „Die Große Transformation“:

„Erst im Zusammenspiel von Wissen, Haltung und Fähigkeit bildet sich die individuelle Zukunftskunst heraus, d.h. ein ganz persönlicher »Möglichkeitssinn« , ein reflektiertes Gefühl der Selbstwirksamkeit, um zu Veränderungsprozessen im Sinne einer großen Transformation beizutragen. Ausgangspunkt für Veränderung ist immer eine Haltung. Damit ist eine grundlegende Orientierung gemeint, mit der man sich der Welt nähert und Veränderungen anstößt. Einer solchen Haltung muss letztlich eine tragende Vision zugrunde liegen.“

Schneidewind zufolge benötigt die Kunst, eine andere Wirklichkeit zu denken und in Veränderungen zu übersetzen, also eine Kombination aus Wissen, aus Haltung und konkreten Fähigkeiten zur Umsetzung. Haltung bildet dabei die Basis, die vor allem von einer Vision getragen wird. Einer Vision, die eine Anziehungskraft auf einen auswirkt, der man quasi nicht entziehen kann. Wie der Duft eines frisch bezogenes Betts oder der einer noch lauwarmen Zimtschnecke. Mmmh. 

Bevor ich ins Träumen gerate, muss man da einfach ganz klar sagen, was Visionen angeht, sehe ich eher einen Mangel.  „Wer Visionen hatbraucht einen Arzt“, wie es Helmut Schmidt einmal gesagt hat, scheint eher der Konsens zu sein. Dem auch Merkel erst kürzlich in abgewandelter Form zugestimmt hat, indem sie sagte, Politik sei das was möglich ist. Solche Sätze machen mir, um ehrlich zu sein etwas Bauchschmerzen. Denn ich glaube schon, dass es durchaus Platz für utopische oder zum Teil unrealistisch anmutende Visionen braucht. Zumindest für alternative Visionen, abseits der neoliberalen Träume, im Sinne eines schneller, besser, weiter mehr. Sowohl auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Da fehlt es noch ein wenig an kreativen Vordenker*innen, habe ich das Gefühl. Aber eine Vision zu entwickeln, die in einem selbst wirkmächtig wird, erfordert natürlich auch Selbstreflexion und -transformation. Und Mut, sich dem Status Quo zu widersetzen oder ihn zumindest zu hinterfragen. Natürlich ist das nicht immer leicht. Aber man muss ja auch nicht gleich alles von heute auf morgen auf den Kopf stellen wollen.

Ich kann da nur einigen meiner letzten Interviewgäste beipflichten, wie z.B. Michael Braungart und Harald Welzer. Dass es nicht darum geht, als einzelner, einsamer Zukunftskünstler*in die ganze Welt zu retten. Das muss und kann keiner von uns alleine. Sondern sich seines Handlungspotentials bewusst zu werden und sich aus diesem etwas herauszupicken, bei dem man das Gefühl hat: „Da habe ich Lust drauf! Da möchte ich etwas bewegen!“ Und das darf gerne zu Hause anfangen. Im Kleinen. Wie fast alles beginnt. Und nach einiger Zeit merkt man dann, wie gut es sich anfühlt, Verantwortung zu übernehmen. Welches Gefühl von Selbstwirksamkeit damit einhergeht. Und, dass man entgegen aller Erwartungen, doch etwas bewegen kann. Oft viel mehr, als wir uns wagen zu träumen. Ich meine, Greta Thunberg hat auch damit angefangen, sich Freitag in Stockholm ganz alleine vors Parlament zu setzen. Wenn man sich das mal bildlich vor Augen führt, so ein kleines Mädchen, alleine mit einem Plakat in den Händen, dann wirkt das nicht gerade weltbewegend. Aber sie hat scheinbar gespürt, dass es genau damit anfängt. Und, dass sie eine Wirkkraft hat, die sie nutzen muss. Die sich entfalten kann, wenn sich ihr weitere Menschen anschließen, die auch an ihr Gestaltungspotential glauben. Weil eben keiner zu klein ist, um einen Unterschied zu machen.

Und ich bin mir sicher, dass du das auch bereits tust. Angefangen bei deiner eigenen Familie, deinem Freundeskreis oder deiner Arbeit. Überall können wir einen Unterschied machen. Gerade deshalb halte ich es für so wichtig, dass wir uns immer wieder unserer Handlungsspielräume bewusst werden und diese nach Möglichkeit nutzen. Einfach, weil wir können. Ich finde, das ist Grund genug.

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