#134 Slow Travel – ein Sinneswandel oder nur ein Trend? | Über die Chancen einer neuen Kultur des Reisens

von Jens

Jede Reise, dessen sollte man sich bewusst sein, hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck auf unserem kleinen, blauen Planeten. Immer mehr Menschen werden sich auch im Zuge der Klimadebatte darüber bewusst. Gepaart mit aktuellen Eindrücken während meiner Italien-Reise habe ich mich näher mit dem Phänomen „Slow Travel“ auseinandergesetzt, mit Fokus auf den Chancen und Möglichkeiten, die sich darin für jeden Einzelnen, aber auch für uns als Gemeinschaft verbergen.

In dieser Folge erfährst du:

  • welche Bedeutung ein “sanfter Tourismus” für unsere Zukunft hat.
  • was Reisen mit Eskapismus verbindet.
  • was ich selbst aus meiner Zugreise durch Italien mitgenommen habe.

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Slow Travel – Ein Sinneswandel oder nur ein Trend?

Vielleicht hast du, wenn du mir auf Instagram folgst, mitbekommen, dass ich gerade auf Reisen bin. Um genau zu sein bin ich mit dem Zug aus Hamburg mit einem Zwischenstopp zum Wandern in Garmisch-Partenkirchen nach Italien gefahren. Während ich diese Folge aufnehme, sitze ich gerade in meinem Dachzimmer auf einem kleinen Bauernhof in den Bergen in der Amalfi Küste. Falls du also einen Esel oder Hund hörst, weißt du wenigsten bescheid. 

Ich habe übrigens bewusst nicht „Urlaub“ sondern Reisen gesagt. Warum? 

Erst kürzlich habe ich gelesen, dass das Wort „Urlaub“ sich aus dem althochdeutschen Wort „urloub“ ableitet, was erlauben heißt. Und bezeichnete damals die Erlaubnis, sich zu entfernen, wenn einem der Arbeitgeber oder Dienstherr ein paar Tage Freizeit gewährte. Allein deshalb widerstrebt es mir irgendwie schon, das Wort Urlaub zu verwenden, da ich keinen Arbeitgeber oder Chef im klassischen Sinne habe, der mir solch eine Erlaubnis erteilen könnte.

Weiterhin impliziert das Wort Urlaub für mich, dass es etwas gäbe, von dem ich mich ausruhen müsse. Als sei Urlaub das Pendant zum Alltag. Das, worauf man sich das ganze Jahr über freut, die Zeit die man herbeisehnt nach all der harten Arbeit. Der wohlverdiente Urlaub eben. 

Diese Sichtweise passt irgendwie nicht ganz in mein Lebenskonzept. Nicht, dass ich nicht auch mal fluche und mir angesichts der zu beantwortenden E-Mails und To-Dos die Hängematte am Strand herbeisehne. Aber grundsätzlich schätze ich mich sehr glücklich, meine Arbeit nicht als Last zu empfinden. Sondern im Gegenteil, als Bereicherung und etwas, das ich freiwillig und sehr gerne tue. Das geht oft soweit, dass ich im Urlaub – pardon, ich meine natürlich auf Reisen – mich nur selten dazu umringen kann, nichts Arbeitsbezogenes anzustellen. Die Podcast Folge, die du gerade hörst, habe ich zum Beispiel auf der Bahnfahrt von Bologna nach Neapel vorbereitet, während an meinem Fenster Weinberge und Zitronenbäume an mir vorübergezogen sind. Eine geeignetere Inspiration hätte ich mir vermutlich kaum wünschen können.

Wie dem auch sei, ich schweife ab. Denn die Arbeit soll nicht das Thema der heutigen Folge sein. Sondern das Reisen. Nicht zuletzt, da ich, wie gesagt, gerade selbst unterwegs bin und mir in letzter Zeit einige Gedanken über dieses Phänomen gemacht und mir die Frage gestellt habe, weshalb wir eigentlich ständig unterwegs sind?

So bin ich selbst erst letzte Woche voller Vorfreude in der italienischen Stadt Bolzano angekommen und konnte es kaum erwarten auf einem der Piazzas genüsslich einen Espresso zu trinken und den Menschen beim Flanieren zuzusehen. Angekommen im Zentrum, habe ich dann allerdings angesichts all der shopping-wütigen Touristen mit H&M Tüten, meine Pläne schnell verworfen und bin mit der Seilbahn in die Berge zum Wandern entflohen. Eigentlich hätte ich es ja auch ahnen können, dass meine Vorstellungen von einer romantischen italienischen Kleinstadt, die einen mit ihrer Verschlafenheit und den kleinen Gassen und Cafés zum Innehalten einlädt, enttäuscht werden würde. Statt an urigen, regionalen Kaufmannsläden schlendere ich nun an Zara, McDonalds und Gucci vorbei. Inmitten einem Strom von Touristen, auf der Suche nach der authentischen italienischen Kultur. Die ist nur leider durch eben diese Suchenden abhanden gekommen. Oder, wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schreibt: „Der Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet.“

Mit Weltsehnsucht oder Fernweh hat diese Form des Reisens, in meinen Augen, schon lange nichts mehr zu tun. Eskapismus trifft es da schon eher. Also ein Fluchtversuch, um der Entfremdung des arbeits- und effizienzfokussierten Alltags zu entkommen. Und all die kleinen Alltagsfluchten summieren sich schließlich zu einer weltweiten Wanderbewegung. Während es 1999 noch 635 Millionen Touristen weltweit waren, die ins Ausland gereist sind, waren es 2017 bereits 1,3 Milliarden. Und davon gehen dank Billigfliegern und Schnäppchen für Urlaubspiraten immer mehr Reisen über Kontinente und Ozeane hinweg. Unser Fernweh zu stillen ist so einfach geworden, wie noch nie zuvor. 

Man könnte meinen, der Wunsch sei, das Unbekannte, das einem Fremde  zu erforschen. Das erzählt man vielleicht auch den Freunden als Begründung, weshalb es nach Peru oder in die Antarktis geht. Aber insgeheim wünschen sich viele vor allem eines: einen reibungslosen Ablauf. Vom Abflug, über das Hotelbuffet bis hin zur Stadtführung. Bitte keinen Aufwand! Und schon gar keine Verantwortung. Es soll möglichst bequem sein. Für Unerwartetes und ungeplante Abenteuer ist da kein Platz. Die Safaris sind präzise durchgeplant. Der Fallschirmsprung und der Tiefseetauchgang inklusive. Und, damit die 7 Tage, für die man extra den Urlaub beantragt hat, auch optimal und effizient genutzt werden, hat man bereits zu Hause intensiv einen Stapel Reiseführer studiert. Damit man auch ja keine Sehenswürdigkeit, vor der man ein potentiell instagramtaugliches Selfie schießen könnte, verpasst. Ziel der touristischen Reise ist es also, könnte man sagen, die Richtigkeit der Informationen aus dem Reiseführer zu überprüfen und möglichst ein fotografisches Beweisstück mit nach Hause zu bringen. Das Wichtigste ist, dass ich beweisen kann: „ich war dort. Ich habe dort meinen Fußabdruck hinterlassen.“ 

Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Tourismusbranche ist nämlich mit rund 8% an den weltweiten CO2-Emissionen beteiligt. Davon gehen rund 75% auf den Transport zurück. Das Reisen ist fundamental demokratisiert worden – auf Kosten ökologischer Zerstörungen. Was ich allerdings absurd finde, als ich zu dem Thema ein wenig recherchiert habe und einen Artikel vom IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change, also einem renommierten, wissenschaftliche Institution, gefunden habe, stand darin der Satz: „Die Tourismusbranche ist von zahlreichen direkten und indirekten Auswirkungen des Klimawandels betroffen“. Der Satz hat mich irgendwie irritiert. Ist es nicht eigentlich genau andersherum? Ist nicht unser kleine, blauer Planet, der vom Massentourismus betroffen ist? Aber nein, wir Menschen machen uns eher Sorgen um die Beständigkeit der Skiregionen, wenn die Temperaturen erstmal ansteigen oder um die karibischen Inselresorts bei steigendem Meeresspiegel. Ich möchte das auch keineswegs kleinreden, natürlich ist das relevant. Nicht zuletzt, da einige Länder, insbesondere einige Schwellen- und Entwicklungsländer auf die Einnahmen aus dem Tourismus bauen.

Allerdings beschweren sich immer mehr Einheimische über eben jene Menschenmengen, die täglich wie eine Invasion über die Städte aus Kreuzfahrtschiffen und Reisebussen hereinbrechen. In Spanien zum Beispiel, spricht man analog zur Gentrifizierung, schon über die sogenannte „turistificación“. Der Wohnraum in den Touristenstädten, wie Barcelona oder Mallorca wird immer knapper und teurer, da er für AirBnB-Gäste oder neue und schicke Hotels genutzt wird. Man braucht die Touristen, aber man hasst sie gleichzeitig auch. Ein ganz schön ambivalentes Verhältnis.

Irgendwie sich schade diese Entwicklung. Denn eigentlich liegen im Reisen so viele Chancen verborgen. Wenn man nicht ausgerechnet eine Pauschalreise nach Antalya bucht, die eine Begegnung mit den Einheimischen und deren Kultur meist nicht vorsieht. Ich bin fest davon überzeugt und habe es selbst erlebt, das der Blick über den Tellerrand und das Zusammentreffen mit völlig anderen Lebensweisen meinen Horizont erweitert und mich bewusster hat leben lassen. Vor allem die Reisen durch Indien und Asien, in denen ein Großteil der Menschen sehr viel weniger als ich zum Leben zur Verfügung hat, haben mir meine Privilegien noch bewusster gemacht, wie gut es mir geht. Und, wer einmal die Plastik-überschwemmten Strände Balis gesehen hat, der ist oft ab diesem Zeitpunkt deutlich sensibler für die Umweltverschmutzung. Ich kenne sogar einige, die nach Reisen ihr gesamtes Leben umgekrempelt und einem sozialen oder gemeinnützigen Projekt gewidmet haben. Z.B. das Gründer-Paar von Bracenet, die aus alten Fischernetzen Schmuck herstellen. Mit denen habe ich übrigens auch schon ein Interview aufgenommen, das ganz bald erscheint.

Also, was ich damit sagen möchte. Natürlich ist das Reisen per se nicht schlecht. Und, wie ich es beschrieben habe, ist es natürlich auch sehr pauschalisiert. Selbstverständlich gibt es auch eine Menge Menschen, die achtsamer und Ressourcen schonender unterwegs sind. Generell, habe ich das Gefühl, wird der Wunsch nach einem „sanfteren Tourismus“ größer. Hier und da ist die Rede vom sogenannten „Slow Traveling“. Also statt dem kompletten Verzicht auf das Reisen, geht es um eine neue Mentalität und innere Haltung, die sich eben auch im Handeln widerspiegelt. 

Ähnlich, wie die bereits bekanntere Slow-Food-Bewegung, hat das Slow Travel seinen Ursprung im zunehmenden Individualisierungstrend der Gesellschaft. Also z.B., dass wir statt Pauschalreisen unseren Urlaub lieber nach unseren eigenen Vorstellungen selbst gestalten wollen. Keine Touris möchten wir sein, sondern am liebsten wie Einheimische wahrgenommen werden. Also nix mehr mit Tennissocken und Sandalen. Und beim Slow Travel geht es natürlich auch um den Wunsch nach Ruhe, Innehalten „less is more“, da die Welt gefühlt immer schneller und komplexer wird. Daher brauchen wir ein Gegengewicht. Wir wollen die Effizienzmentalität des Alltags nicht auch noch in den Urlaub mitnehmen, indem wir hektisch von einer Stadt zur nächsten jetten. 

Slow Travel steht für eine Neubewertung von Erlebnissen. Es geht um die Herausforderung, die innere Spannung einer vermeintlichen „Leere“ auszuhalten und die Qualität von Angeboten richtig wertschätzen zu können. Um Entschleunigung, um das Erlebte bewusst wahrnehmen und verarbeiten zu können. Und dank dieser erlebten Erfahrungen persönlich zu wachsen und seinen Horizont zu erweitern. 

Ich glaube allerdings, dass gerade das Überangebot an Reisemöglichkeiten, oft unterbewusst Angst in uns erzeugt, etwas zu verpassen und uns auf Slow Traveling einzulassen. Theoretisch haben wir, vor allem im Westen, dank Globalisierung, die Möglichkeit die ganze Welt zu bereisen. Insbesondere mit dem deutschen Reisepass, dem wohl Privilegiertesten. Wie kann man es dennoch schaffen, diesem Angebot zu widerstehen? Und statt nach Bali zum Urlaub, in den Harz oder an die Nordsee zu fahren? Verpasst man dann nicht etwas? Muss man alles selbst gesehen haben und dort gewesen sein, um mitreden zu können? 

Denn nicht zuletzt hat die Art, wie wir reisen, ja auch etwas sehr Demonstratives. Wir drücken darüber aus, wer wir sind, wie wir gesehen werden wollen und unsere Zugehörigkeit. Das macht den Verzicht auf all die verlockenden Abenteuerreisen und Expeditionen nicht unbedingt einfacher. Ich selbst kenne diesen inneren Konflikt nur zu gut. Natürlich hätte ich Lust, andere ferne Kontinente und Kulturen kennenzulernen. Erst letztes Jahr bin ich zum ersten Mal in Asien gewesen. Auf der anderen Seite möchte ich möglichst ressourcenschonend leben.

Am naheliegendsten, um den Massentourismus etwas einzudämmen, ist vermutlich eine Erhöhung der Flugpreise. Eine solche Politik wäre ökologisch zwar konsequent, erzeugt aber ein demokratisches Paradox. Denn wer das Reisen begrenzt, droht in die Falle des Elitismus zu tappen, wenn verteuerte Fernreisen zum Privileg der Wohlhabenden werden. Beschränkung ist nötig, Verzicht aber oft ungerecht. Daher, denke ich, sollte nicht das Reisen an sich infrage stehen – wohl aber das Reisen in seiner derzeitigen Form. Das muss sich radikal ändern. Kosmetische Korrekturen wie „CO2-Abgaben“, die Fluggesellschaften in Regenwaldprojekte stecken, reichen, finde ich, nicht aus. Wir müssen das eigentliche Problem angehen: unseren Umgang mit Zeit und Entfernung. Weg vom schnellen Konsum austauschbarer Zielorte, hin zu bewusstem Genuss – Slow Travelling eben. Ein Bruch kann aber nur gelingen, wenn man sich auf das Reisen und die damit einhergehende Erfahrung von Zeit und Ort einlässt. 

Eine solche Art des Reisens ist natürlich aufwendiger. Individuelle Anpassung allein kann also nicht die Lösung sein. Die Bedingungen für eine andere Art des Reisens müssen auch politisch geschaffen werden. Die Bahn wäre auch eine stärkere Konkurrenz zum Flieger, wenn ihre Tickets günstiger und ihre Angebote besser auf Reisende zugeschnitten wären. Es kann nicht sein, dass Zug fahren in vielen Fällen teurer ist als zu Fliegen. Auf meiner jetzigen Italien Reise ist mir das noch bewusster geworden. Da muss sich etwas ändern! 

Für langsameres und längeres Reisen, braucht es aber natürlich auch mehr Urlaubszeit. Je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto eher wächst, glaube ich, auch unsere Bereitschaft, auf den Geschwindigkeitsvorteil des Fliegens zu verzichten. Wie wäre es also mit einer Verkürzung der Jahresarbeitszeit? Schon lange wissen wir, dass mehr Arbeit nicht zwangsläufig mehr Wachstum und Produktivität bedeutet.

Ich glaube aber, was das Entscheidendste, um eine neue Kultur des Reisens und einen sanften Tourismus etablieren zu können, ist der Sinneswandel. Ein Paradigmenwechsel, der sich insbesondere in unseren Köpfen vollziehen muss. Wenn es als cool und angesagt gilt, statt ins Luxusresort auf Mauritius zu fliegen, nach Bayern wandern zu gehen, werden das auch mehr Menschen tun. Und daher sehe ich auch gerade die, die sich das Reisen um den Globus eigentlich leisten können, in einer Vorreiter- bzw. Vorbildfunktion. Nur, weil man sich etwas leisten kann, muss man es schließlich noch lange nicht tun. Und, je mehr Menschen solch einen Lebensstil vorleben, desto mehr wird auch mit der Zeit akzeptiert werden, kann ich mir vorstellen. So, wie es früher mal cool war zu Rauchen und heute immer weniger. Oder SUVs, die gelten ja auch vielerorts schon als verpönt.

Was ich sagen möchte, ist, mich selbst haben die letzten Tage auf meiner Reise zumindest sehr zum Nachdenken angeregt. Und ich kann wirklich sagen, dass mir das langsame Reisen mit dem Zug und vor allem die Zeit in der Natur unfassbar gut getan haben. Nicht einmal habe ich gedacht: „Ach wäre ich doch lieber nach Mexiko oder Honolulu gereist.“ Nicht, dass es da vermutlich nicht auch schön ist, aber ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Oft, wie im Alchemist von Paulo Coelho, liegt das Glück quasi vor der Haustür vergraben. Wir müssen es nur entdecken.

In dem Sinne, bin ich gespannt, von dir zu erfahren, was deine bisherigen Erfahrungen mit Reisen und vielleicht auch dem Slow Traveling sind. Letztlich geht es mir nicht darum, zu Missionieren. Ich bin ja selbst quasi auf meiner Reise im übertragenen Sinne und möchte nur meine Gedanken teilen und Impulse mitgeben. Daher freue ich mich über einen Austausch. Zum Beispiel auf Instagram, da findest du mich unter @marilena_berends. Wenn dir die Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn du sie mit Freunden teilst oder mir vielleicht sogar eine Rezension auf iTunes hinterlässt.

Ich danke dir fürs Zuhören und hoffentlich bis bald. Bei Sinneswandel, dem Podcast für persönliche und gesellschaftliche Transformation. Bis bald

 
 
Marilena Berends
 
Podcast Sinneswandel, Folge #134

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